
Autor: Silentthunder
Homepage: http://www.thunder-of-silent.de/
Titel: Throwing it all away
Inhalt: Elisabeth ist dankbar, dass Emerson und auch William so freundlich sind, sie nicht fühlen zu lassen, auf welche Art und Weise sie an Bord gekommen ist. Doch sie bemerkt auch sofort, dass William nicht gerade glücklich über ihre Anwesenheit ist.
Altersfreigabe: alle Altersklassen
Teil: 6/16
Disclaimer: Alle in dieser Story verwendeten Charaktere und Grundkonzepte sind Eigentum der jeweiligen Rechteinhaber. Sie werden einzig und allein zu Unterhaltungszwecken genutzt. Eine Copyright-Verletzung ist weder beabsichtigt noch impliziert.
Hauptcharakter(e)/Paar(e): Elisabeth/William, Emmerson
Kommentar: Vielen lieben Dank an alle Leser, Punktegeber und Kommischreiber! Vor allem aber meiner Beta, Lorias, die immer für mich da ist! Viel Spaß beim Lesen...

Teil 6
Der Abend gestaltete sich noch unterhaltsamer, als Elisabeth es je vermutet hatte. Emerson bemühte sich aus Leibeskräften sie wieder und wieder zum Lachen zu bringen, auch wenn er sich dieses Mal zusammenriss, und seinen Cousin aus dem Spiel ließ. Die beiden Männer wechselten zwischendurch immer wieder Blicke und es war mehr als offensichtlich, dass Emerson Schelte für sein Verhalten am Nachmittag von seinem Cousin bekommen hatte.
Allerdings störte das den Verlauf des Abends nur wenig. Elisabeth hatte jedenfalls so viel gekichert, dass ihr Bauch wehtat und sie ihn schon mit den Händen umklammerte. Doch in Emersons Augen konnte man sehen, dass ihm das Spiel gefiel und er noch lange nicht genug davon hatte, Anekdote auf Anekdote zu erzählen. Offenbar gefiel ihm die Rolle des Spaßmachers und er mühte sich aus Leibeskräften, möglichst viel Interessantes zu erzählen.
„Und Sie haben Lord Warlington wirklich nicht zu Gesicht bekommen?“, fragte er nun und Elisabeth schüttelte den Kopf. „Dabei sieht er zu lustig aus, mit dieser riesigen Warze über der Lippe, die wie ein Porträt seiner hochgeschätzten Ehefrau aussieht!“ Er lächelte sie über den Tisch hinweg an. „Nun, das verstehe, wer will. Eine so junge Lady sollte doch so viele Gesellschaften besuchen, wie sie es nur kann. Immerhin kommt der Ernst des Lebens früh genug.“
„Ich gestehe, ich bin um jedes Mal froh, wenn ich nicht gehen muss“, erzählte Elisabeth leise. „Derartige Feste sind mir… nun, zuwider ist vielleicht zu viel gesagt, doch kommt es dem sehr nahe. Mir sind es einfach zu viele Menschen, die offenbar alle nichts Besseres zu tun haben, als nach passenden Partien Ausschau zu halten oder über die Leute zu lästern, deren Hände sie noch vor wenigen Minuten geschüttelt haben.“
„Mein Gott“, sagte Emerson und schüttelte fassungslos den Kopf. „Man könnte fast annehmen, unser guter William hätte Ihnen diese Antwort eingetrichtert. Ihm ergeht es nämlich ebenso und er bekommt schon Ausschlag, wenn er weiß, dass er eine Einladung nicht ausschlagen kann.“ Er sah seinen Cousin über den Esstisch hinweg an. „Ist es nicht so?“
„Wenn du das sagst, soll es wohl stimmen“, brummte William und trank sein Glas Rotwein in einem Zug aus. Dann wandte er sich an Elisabeth. „Doch Emerson hat nicht so Unrecht. Ich mag es tatsächlich nicht besonders, ständig in die gleichen Gesichter zu sehen, die alle darum bemüht sind, einem Honig um den Bart zu schmieren. Und kaum dreht man ihnen den Rücken zu….“
„Du nimmst das alles viel zu ernst, werter William“, meldete sie Emerson zu Wort. „Bälle und Feste sollten als das gesehen werden, was sie sind. Festivitäten, um den langweiligen Alltag hinter sich zu lassen und einmal nicht an die Sorgen und Nöte zu denken, die einem sonst zu Erb und Eigen sind.“ Er zuckte andeutungsweise mit den Schultern. „Ich habe das noch nie verstehen können“, meinte er dann. „Auch du musst dich hin und wieder entspannen. Wie schaffst du das nur, so ganz ohne jegliche Freude in deinem Leben?“
„Mein Leben ist durchaus nicht so freudlos, wie du es gerade beschreibst“, murrte William, der sich den ganzen Abend schon sehr still verhalten hatte. „Ich entspanne nun mal lieber bei anderen Dingen als du, hochgeschätzter Cousin.“
Elisabeth konnte die Spannungen zwischen den Beiden förmlich spüren und hielt sich zurück. Nun auch noch zwischen die Fronten zu gelangen, konnte sie sich beim besten Willen nicht leisten und so stand sie auf. „Ich danke Ihnen für den wunderschönen Abend“, sagte sie, nickte erst William und dann Emerson zu. „Doch für mich ist es jetzt an der Zeit mich zurückzuziehen.“
„Sie müssen noch nicht gehen“, versuchte Emerson sie aufzuhalten. „William und ich benehmen uns immer so. Sie wissen sicherlich, wie das mit Familien ist.“ Er lachte. „Man kann nicht mit, aber auch nicht ohne sie leben.“
„Nein, wirklich“, sagte Elisabeth und stand auf. „Die Müdigkeit hat mich übermannt und ich möchte jetzt lieber gehen.“
„Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht“, sagte William und stand auf. „Doch bevor ich es wieder vergesse.... Sie haben sicherlich schon die Damengarderobe im Schrank in Ihrer Kabine entdeckt. Lady Catherine hat sie nach der letzten Reise hier zurückgelassen. Sie ist vielleicht ein wenig größer, als Sie es sind, doch in Anbetracht des geringen Gepäcks, dass Sie mit sich führen, wäre es vielleicht angebracht, das ein oder andere Kleid auszuprobieren.“
„Ich weiß nicht, ob das schicklich wäre“, sagte Elisabeth und schämte sich. „Ich kann kaum erwarten….“
„Glauben Sie mir, wenn ich sage, dass Lady Catherine gewiss keine Einwände erheben würde“, beeilte sich William zu sagen. Er verbeugte sich und Elisabeth nickte schwach.
„Danke schön“, murmelte sie und verabschiedete sich von den beiden Cousins, die nun beide aufgestanden waren und sich höflich verbeugten. „Gute Nacht.“
*~*~*
Geräuschvolle Stimmen drangen bis in Elisabeths Kabine. William und Emerson schienen eine lautstarke Diskussion zu führen, doch darum konnte sie sich gerade keine Gedanken machen. Tränen liefen in rascher Folge über ihr Gesicht und sie schluchzte haltlos in ihr Kissen. Die Freundlichkeit, die ihr hier auf dem Schiff zuteil wurde, war zu viel für ihr schlechtes Gewissen und sie hatte es nur mit knapper Müh und Not geschafft, würdevoll in ihre Kabine zu gelangen. Nun überließ er ihr auch noch die gewiss teure Garderobe seiner Ehefrau!
Immer wenn sie glaubte, William Grey könnte sie nicht besser behandeln, setzte er noch einen drauf und sie fühlte sich schlechter und schlechter, ihn in diese Situation gebracht zu haben. Es klang beinahe lächerlich, doch ihr wäre es lieber, er würde sie ausschimpfen oder nicht beachten, denn damit hätte sie besser umgehen können. Doch seine Freigiebigkeit schien schier unerschöpflich und Elisabeth wusste, dass sie nichts tun konnte, um all das wieder auszugleichen.
Sie weinte und weinte und es fiel ihr immens schwer, sich aus dieser Niedergeschlagenheit herauszureißen. Doch was sie auf gar keinen Fall wollte, war ihm am nächsten Morgen mit rot unterlaufenen Augen zu begegnen und so mobilisierte sie ihre ganze Kraft. Er hatte durch sie schon genug Sorgen und sollte nicht auch noch damit belastet werden.
Eine lange Zeit lag sie auf ihrem Bett und starrte an die Decke. Die Streitigkeiten zwischen den beiden Männern schienen beendet und außer den Geräuschen des Schiffes und des Meeres war nichts mehr zu hören. Doch der Schlaf wollte nicht kommen. Immer wenn sie die Augen schloss, sah sie William vor sich und ihre Scham wuchs beständig an. Das Einzige, was sie noch tun konnte, war, die Fahrt würdevoll zu überstehen und dafür zu sorgen, dass sie ihm keinerlei weitere Schwierigkeiten mehr bereiten würde.
Seufzend wälzte sie sich in ihrem Bett hin und her und ein befremdliches Gefühl breitete sich in ihr aus. Williams Ehefrau musste sich glücklich schätzen, einen solchen Mann geheiratet zu haben und Elisabeth fühlte eine plötzliche Wehmut in sich aufsteigen. Vor einem solchen Mann wäre sie gewiss nicht davongelaufen. Ganz gewiss nicht!
*~*~*
Der späte Vormittag war angebrochen und Elisabeth drehte sich vor dem Wandspiegel in ihrer Kabine hin und her. Eine lange Zeit hatte sie vor dem Schrank gestanden und die wertvollen Kleider begutachtet, und noch länger hatte es gedauert, sich dazu durchzuringen, auch eines davon anzuziehen. Sie hatte das Für und Wider abgewogen, sich dann entschieden, das Angebot anzunehmen. Nicht nur, weil William Grey recht hatte und ihre Garderobe wahrhaftig nur sehr beschränkt war, sondern auch, weil sie ihn keinesfalls brüskieren wollte. Er bot ihr so viel und sie wollte nicht undankbar erscheinen.
Allerdings schien Williams Ehefrau doch ein ganzes Stück höher gewachsen zu sein, als sie selbst und es hatte lange gedauert, etwas einigermaßen Passendes herauszufinden. Fünf Kleider hatte sie gefunden, die auch sie tragen konnte ohne all zu oft über den Saum zu stolpern und sie beglückwünschte Lady Catherine nicht nur für ihren tadellosen Geschmack, sondern auch dafür, eine solche Menge an Kleidungsstücken einfach zurücklassen zu können, ohne sie zu vermissen.
Wahrscheinlich, so hatte Elisabeth gedacht, stimmte das Gerücht doch, dass William Grey im Geld nur so schwamm, doch das konnte ihr eigentlich egal sein. Höchstwahrscheinlich würde sie ihn niemals wiedersehen, wenn sie erst einmal in England gelandet waren und das seltsame Gefühl des Bedauerns ließ sich auch durch Vernunft nicht verdrängen.
Elisabeth warf einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel. Von ihrem Weinkrampf am Abend zuvor war keine Spur mehr zu entdecken und so nickte sie sich lächelnd zu. Sie hatte sich vorgenommen, zum ersten Mal hinaus an Deck zu gehen und hoffte, es wäre ihm recht. Doch da er gesagt hatte, sie könnte sich auf dem Schiff frei bewegen, machte sie sich keine allzu großen Sorgen darum.
Sie huschte durch den Flur, stieg die Treppe hinauf und musste blinzeln, denn die Sonne stand schon hoch am Himmel und blendete sie. Es dauerte einen Augenblick, bis sich ihre Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, doch kaum war das geschehen, sah sie Emerson Grey auch schon auf sie zueilen.
„Miss Elisabeth. Wie schön, Sie hier an Deck zu sehen“, sagte er und reichte ihr die Hand. „Kommen Sie, ich zeige Ihnen gerne alles.“
Elisabeth nahm die dargebotene Hand, doch bevor sie nur einen Schritt tun konnte, verfing sich ihr Schuh in dem etwas zu langen Kleid. Entschuldigend sah sie ihren Begleiter an. „Misses Grey muss ein Stück höher gewachsen sein als ich.“
„Williams Mutter?“, fragte Emerson verwirrt.
„Nein, nein“, lachte Elisabeth und befreite sich aus der misslichen Lage. „Ich meine Lady Catherine. Williams Ehefrau.“
Emerson lachte. „William ist nicht verheiratet. Wie auch, wenn er sich nicht in der Gesellschaft zeigt? Lady Catherine ist seine jüngere Schwester. Ein wirklich ganz reizendes Mädchen“, sagte er dann und runzelte die Stirn, als er Elisabeths verstörtes Gesicht sah. „Geht es Ihnen gut?“
„Ja, danke“, nickte Elisabeth und versuchte ein Lächeln. „Es liegt bestimmt nur an der frischen Luft hier an Deck. Es ist weitaus kälter, als der Sonnenschein es vermuten lässt.“
„Ich verstehe“, nickte Emerson, offenbar zufrieden mit der Antwort. „Warten Sie“, sagte er dann und zog seine Jacke aus, die er prompt über ihre Schultern legte. „So geht es bestimmt gleich viel besser.“ Dann nahm er wieder ihre Hand und führte sie hinauf auf das Hauptdeck der Angels Wing.
*~*~*
Ihr Auftritt an Deck verursachte mehr Aufsehen, als es Elisabeth lieb war und wäre Emerson nicht gewesen, der sie an der Hand hinter sich herzog und ihr alles Sehenswerte zeigte, wäre sie gewiss schnell wieder in ihre Kabine geeilt. Die Matrosen in ihrer Nähe musterten sie mit unverhohlener Neugierde und Elisabeth wurde zum ersten Mal wieder bewusst, dass alle sie zumindest schon einmal gesehen hatten. An dem Tag, als die Hoffnungslosigkeit Überhand gewonnen hatte und sie sich in das Meer gestürzt hatte.
„William steht übrigens da oben beim Kapitän“, sagte Emerson und riss Elisabeth damit aus ihren Gedanken. „Ich denke, wir sollten zu ihm hinaufgehen und ihn begrüßen.“
Elisabeth nickte und ließ sich die Treppe hinaufbegleiten. William Grey kam ihr auch sofort entgegen, maß seinen Cousin dabei mit einem fragenden Blick und konzentrierte seine Aufmerksamkeit dann wieder auf sie.
„Miss Elisabeth. Wie schön, Sie an Deck begrüßen zu können“, sagte er und verbeugte sich. „Darf ich Ihnen Kapitän Swift vorstellen?“, fragte er, übernahm Emersons Platz an ihrer Seite und führte sie zu einem bärtigen Mann, der am Ruder des Schiffes stand und ihr freundlich zunickte.
„Ich bin sehr erfreut, Sie wohlauf zu sehen, Miss Elisabeth“, sagte der Kapitän und begutachtete die drei Personen vor sich sehr aufmerksam. Er hatte schon immer etwas gegen Frauen an Bord gehabt, doch er würde seine Meinung für sich behalten, bis jemand danach fragte. Aber sollte ihn je jemand danach fragen, so würde er sagen, dass es noch Ärger auf dem Schiff geben würde, bevor sie England erreichten. Dessen war er sich ebenso sicher, wie er beim Wetter sicher war. „Gefällt Ihnen die Angels Wing?“
„Ich finde, sie ist ein wunderschönes Schiff“, nickte Elisabeth ein wenig hilflos. „Doch ich muss gestehen, dass ich keinerlei Kenntnisse über Schiffe habe und mich nur auf meinen eigenen Geschmack verlassen kann.“
„Nun“, lächelte der Kapitän. „Mr. Grey könnte Ihnen so einiges darüber erzählen“, sagte er und nickte William zu. „Ich habe nie zuvor einen Mann gesehen, der nie selbst zur See gefahren ist, und doch so viel über das Seewesen weiß wie er.“
„Ich werde mich bei passender Gelegenheit daran erinnern“, murmelte Elisabeth, die sich immer unwohler fühlte. Es waren einfach zu viele Augen auf sie gerichtet und sie wäre am liebsten in einem Loch verschwunden. „Ich muss jedoch gestehen, dass ich mich nun gerne wieder in meine Kabine zurück begeben würde. Mir ist es doch ein wenig zu frisch an Deck.“
„Selbstverständlich“, nickte William. „Ich werde Sie hinunter geleiten“, sagte er schnell und kam Emerson zuvor, der ihm einen finsteren Blick zuwarf. „Meine Herren, wenn Sie uns bitte entschuldigen würden…“