
Autor: Koragg
E-Mail Adresse: ethanrayne@ymail.com
Titel: Careful, what you call reality!
Inhalt: Hinter den dicken Betonwänden des Gefängnisses in der Wüste von Nevada geht Grausiges vor. Ethan Rayne, der dort seit Jahren einsitzt und ums Überleben kämpft, wird gefoltert und unter Drogen gesetzt. Er ist mittlerweile am Ende seiner Kräfte und es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch sein Widerstand bricht. Was braucht es, um die Psyche eines Menschen zu zerstören? Dieser Frage geht die Initiative mittels Experimente nach und kennt keine Gnade! Tief in die Abgründe der Sinnentrückung muss ein Mann blicken, der gerne mit den Fantasien und Ängsten der Menschen spielt und ihnen durch das Chaos ihre eigenen Schwächen und Fehler vor Augen führt. Nun ist selber ein Opfer von Psychospielchen und erfährt das zerstörerische Ausmaß und den zermürbenden, schleichenden Wahnsinn, den Drogen mit sich bringen.
Spoiler: Die Ereignisse finden nach dem Ende der 7. Staffel statt.
Altersfreigabe: ab 18 Jahren
Teil: 1/?
Disclaimer: Alle in dieser Story verwendeten Charaktere und Grundkonzepte sind Eigentum der jeweiligen Rechteinhaber. Sie werden einzig und allein zu Unterhaltungszwecken genutzt. Eine Copyright-Verletzung ist weder beabsichtigt noch impliziert. Lediglich die Nebencharaktere, die nicht in "Buffy" vorkommen, sind meine Figuren und unterstehen ebenfalls dem Copyright-Schutz.
Hauptcharakter(e)/Paar(e): Ethan Rayne, Rupert Giles
Kommentar: Wenn Drogen den Verstand umnebeln und das Bewusstsein ausschalten... Wenn nicht mehr unterschieden werden kann zwischen gestern und heute und morgen... Wenn Träume und Wahrheit ineinander übergehen… Wenn Illusionen und Vorstellungen die Grenzen verwischen und Erinnerungen mit Halluzinationen zu einer einzigen Wirklichkeit verschwimmen… Was ist Realität dann überhaupt? Wo fängt sie an und wo hört sie auf? Mal ein paar Denkanstöße. Diese Story ist sozusagen ein unterschwelliger(?) Appell von mir gegen Drogen und gegen die Vorverurteilung von Menschen, die man eigentlich gar nicht kennt. Und noch was: Vielleicht gibt es ja jemanden, der das Ganze aus Giles´ Sicht schildern könnte/möchte? Dieser Jemand kann mir dann einfach eine Nachricht oder E-Mail schreiben. Ich würde mich freuen! Des Weiteren bin ich natürlich auch für Vorschläge, Ideen und Kritik offen. Aber vorher erstmal nun ungeschminkt die schlimmsten Erlebnisse im Leben des Chaosmagiers.
Ethan lag auf dem Rücken auf dem Boden. Die Kälte war ihm schon längst in die Knochen gekrochen und ließ ihn zittern. Heiße und kalte Wellen durchliefen seinen Körper und seine Muskeln verkrampften sich wieder und wieder. Seine Adern pochten so schmerzhaft, als wollten sie platzen. Sein ganzer Körper tanzte im Fieberschauer. Der Schmerz trieb ihm Tränen in die Augen, aber er muckste sich nicht. Diesen Triumph wollte er ihnen nicht auch noch gönnen.
Heute waren die benebelnden Drogen ausgeblieben. Sie wollten ihn bei vollem Bewusstsein haben, während sie etwas Neues an ihm testeten. Der Magier nutzte die Zeit bei halbwegs klarem Geist, um sich Gedanken zu machen. Immerhin war das Zeug, was sie ihm in den Kreislauf gejagt hatten, nicht so schlimm wie das vorgestern. Das hatte sich angefühlt, als wenn man glühende Messer immer und immer wieder in seinen Körper steckte und er hatte wirklich gedacht, dass er dieses Mal sterben würde. Er war an seine Grenzen getrieben worden und hatte schon den kühlen Hauch des Todes gespürt, der über seinen Nacken strich.
Wie lange werde ich das noch aushalten? Wann wird es ihnen gelingen, meinen Willen zu brechen, meinen Verstand und alles, was mich ausmacht? Sie sind schon so kurz davor. So kurz, dass ich schon den Wahnsinn spüre, wie er sich langsammeiner bemächtigt. Hier stirbt man nicht einfach so. Das Ende kommt schleichend und unter Qualen. Sie werden es hinausdehnen und verzögern. Doch sie entlocken mir keinen Laut! Den letzten Rest an Würde will ich mir bis zum Ende bewahren.
Dem Engländer fiel es jedoch schwer, sich daran zu halten. Ein um das andere Mal hatten sie doch seinen Widerstand gebrochen und ihn zum Schreien gebracht. Das war bei den barbarischen Methoden, die sie anwendeten, nicht weiter schwer. Doch Ethan hatte sich noch nicht aufgegeben. Er fragte sich immer und immer wieder, warum er noch kämpfte? Was hielt ihn in dieser Welt? Weder Freunde, noch Familie, noch irgendjemand gab es, der sich für ihn interessierte. Nur die Initiative interessierte sich für ihn. Wollte wissen, wie er auf was reagierte und wie weit sie es treiben konnten.
Dabei hatte er noch Glück, sofern es so nennen konnte. Sie hatten ihm bisher noch nichts zugefügt, was nicht im Laufe der Zeit zu einem Narbengewebe verheilen würde. Dabei hörte er von anderen Insassen, denen sie die Knochen zertrümmerten und wieder zusammenschraubten, nur um sie danach wieder zu zersplittern. Sie hatten Ethan bisher nur den Arm einmal gebrochen und ihn wieder richtig zusammenwachsen lassen, was wohl auch die Ausnahme war. Vielmehr hatten sie sich auf irgendwelche chemische Verbindungen verlegt, dessen Wirkung sie an ihm testeten.
Manchmal vergasen sie ihn erfreulicherweise über Monate und so dämmerte er bloß im vom Drogen verwirrten Verstand und mit süßen Träumen des Wahnsinns vor sich hin. Jedoch kamen sie immer wieder auf ihn zurück und so auch in dieser Woche, nachdem er zuvor drei Monate lang Ruhe hatte.
An Flucht dachte er schon längst nicht mehr. Er befand sich im Hochsicherheitstrakt, der mit solchen Bannsprüchen abgesichert war, dass die Anwendung von Magie absolut unmöglich machte. Anfangs hatte der Hexer geglaubt, dass er die Zauber schon knacken könnte, aber es war ausgeschlossen. Er fand nicht einmal eine Stelle, an der er ansetzen konnte. Nahtlos gingen die einzelnen Flüche ineinander über und Ethan hatte auch keine Hilfsmittel, die ihn unterstützen könnten. Schon bald konnte er sich nicht mal Gedanken darüber machen, denn die wurden ihm mithilfe von Medikamenten zu einem konfusen Knäuel verstrickt.
Er wusste schon längst nicht mehr, wie lange er hier war. Er hatte zwar versucht, an der Wand eine Strichliste mit Tagen zu führen. Aber einmal war er über Tage manchmal vollkommen vom Sonnenlicht abgeschirmt, wenn sie ihn in eine andere Zelle verlegten, wo nur das künstliche, grelle Neonlicht brannte und so wusste er nicht, wann die Sonne aufging und wann unter. Zum anderen war er oft nach der Behandlung, wie sie es nannten, nicht mal mehr in der Lage, eine Kerbe in die Wand zu ritzen. So konnte er nur vermuten, wie lange es sein musste.
Er hatte das Gefühl, dass er schon sein halbes Leben hier war; alles andere davor war zu undeutlichen Schemen verkommen, die ihm wie im Rausch begegnete Traumbilder vorkamen. Formlose Farbschlieren, denn Erinnerungen waren durch die permanenten Drogen alle ausgelöscht. Nur in seinen Träumen, wenn er dann irgendwann endlich in den Schlaf fand, fand er Zuflucht und auch Hoffnung. Vielleicht war das Letztere auch der Grund, warum er noch nicht zerbrochen war. Weil ein Teil von ihm und wenn es auch nur verschwindend klein war, immer noch daran glaubte, dass er irgendwann hier raus käme – und zwar nicht erst als Leiche.
Doch mit jedem Jahr, das verging, wurde ihm zunehmend klarer, dass es wohl keine Rettung geben würde. Man hatte ihn vergessen. Für die Außenwelt war er tot. Dennoch besuchte ihn Rupert. Ab und zu kam es vor, dass der Wächter aus dem Nichts auftauchte, für eine Zeit blieb und dann wieder verschwand. Meistens war der Mann einfach nur da bei Ethan und wenn die Stirn des Magiers feurig heiß glühte, dann sprach er sogar mit dem Hexer. Sie tauschten oft nur ein paar Belanglosigkeiten aus und irgendwie war der Gefangene auch früh darüber, dass er sich von seinen Halluzinationen nicht auch noch Schuldvorwürfe anhören musste. Denn dass es nicht echt war, merkte er immer, egal wie schlecht es ihm ging. Trotzdem redete er sich ein, dass es real war, um etwas zu haben, woran er sich klammern konnte.
Er hatte Giles oder Buffy nie die Schuld für das, was mit ihm passiert war, gegeben. Anfangs wollte er schon Rache an den Beiden nehmen, denn das gab ihm Kraft und seinem Überlebenskampf einen Sinn. Er wollte sich wirklich grausam für alles revanchieren, was ihm angetan wurde, sobald er hier rauskam. Irgendwann hatte er dann aber erkannt, dann sie es nicht mal im Entferntesten ahnen konnten. Ahnen, zu welchen Gräueltaten Menschen fähig waren, wenn man ihnen die Möglichkeiten gibt, mit einem anderen Mensch zu machen, was sie wollten. Sie dachten wahrscheinlich nur, dass es bloß ein Gefängnis wäre, was sich darauf spezialisiert hatte, Kriminelle wieder in die Gesellschaft einzugliedern und sie zu rehabilitieren. Aber so ein Gefängnis müsste nicht in der Wüste von Nevada versteckt werden.
Nun wollte er lediglich Rache an der Initiative und er zerstörte sie jedes Mal auf das Neue in seinen Träumen. Oder er klammerte sich an seine Halluzinationen wie ein Ertrinkender an Treibholz. So auch dieses Mal, als der Chaosmagier vor Schmerzen und Fieber beinahe wie gelähmt dalag und die kalten Neonröhren anstarrte. Durch die dicken Betonwände drang so gut wie nichts und Ethan war auch froh darüber, sodass er wenigstens nicht die Schreie seiner Mitinsassen hören musste. Aber nun glaubte er etwas wie Kampfgeräusche zu hören und lächelte schwach, weil er nun eine weitere Illusion erleben durfte, die ihn ein wenig ablenkte. Nach etwa fünf Minuten herrschte plötzlich wieder Stille. Eine Weile geschah nichts. Erst nach etwa zehn Minuten oder mehr, als sich plötzlich die Tür zu seiner Zelle öffnete.
"Ah, Rupert! Das ist in den vergangenen drei Stunden schon das siebte Mal, dass du kommst, um mich zu befreien. Blöderweise löst du dich immer wieder auf, bevor du mich hier rausholst. Kannst du mich dieses Mal nicht wenigstens bis vor die Tür bringen und erst dann verschwinden?", begrüßte der Magier die eintretende Person trocken. Er hustete sogleich und seine Lunge tat weh. Das Atmen fiel ihm schwer und das Fieber hatte ihn fest im Griff.
„Ich bin keine Halluzination, Ethan. Ich bin hier, um dich herauszuholen!“, entgegnete Giles ernst und ging zu dem Hexer. Der Wächter kniete sich neben ihn hin, musterte den Chaosmagier und ihm entfuhr entsetzt: „Mein Gott! Was haben sie dir angetan?“.
„Das sagst du jedes Mal. Und jedes Mal gehst du dann wieder und lässt mich hier…“, sagte Ethan leise. Er sah den Mann nun genauer an. Die Zeit hatte Spuren in dessen Gesicht hinterlassen, sein Haar war an einigen Stellen ein wenig grauer und die Augenringe dunkler. Sein Blick war voller Sorge und auch Reue glaubte er darin zu lesen. „Was sie mir angetan haben? Werden wir jetzt etwa tiefgründig, du Halluzination? Mein Fieber muss erstaunlich hoch sein, wenn du das sagst. Normalerweise erzählst du mir nämlich immer, dass ich mich gut gehalten habe“, führte der Magier aus.
Vielleicht kann ich mit diesem Produkt meiner Fantasie ja mal eine richtige Unterhaltung führen? Sie ist dieses Mal verdammt authentisch! Zum Glück habe ich mir ein bisschen Humor bewahrt, auch wenn mir eher nach schreien zu mute ist.
„Hör auf! Das Reden strengt dich an“, tadelte ihn Rupert in seinem typischen Ton. Dann versicherte er: „Ich bin wirklich da und verspreche dir, dass ich nicht einfach gehen werde. Nicht ohne dich!“. Plötzlich fühlte der Hexer Giles Berührungen, als er ihn sanft aufrichtete und gegen sich lehnte. Ethans geschundener Körper genoss den Kontakt, der ihn keine Schmerzen zufügte. Zugleich wurde ihm aber auch klar, was das bedeutete: Bisher hatte ihn keine seiner Halluzinationen berühren können. Nun war das aber der Fall!
„Dann bist du…? Du…?“, stammelte der Magier absolut verblüfft. Sofort ging das wieder in einen Hustenanfall über.
„Gott, Ethan!“, murmelte Giles und man hörte den Schmerz in seiner Stimme. Behutsam zog er den Hexer in eine Umarmung. „Es tut mir sooo Leid. Ich wusste nicht, dass sie dir so etwas antun! Hätte ich geahnt… Ich dachte, dass dich kein Gefängnis halten könnte. Ich dachte, dass du schon seit Jahren… Grundgütiger! Es tut mir unendlich Leid, Ethan!“. Er drückte den bebenden Magier an sich und strich ihm sanft über den Rücken.
Der Hexer konnte nicht mehr. Es war alles zu viel für ihn. Die Nähe Ruperts, die Aussicht auf Entkommen, auf Leben, auf Schmerzfreiheit ließ ihn noch mehr zittern als ohnehin schon. Das alles hatte er schon so oft im Kopf durchgespielt, dass es jetzt, wo es wahr zu werden schien, eher wie ein Traum wirkte. Er konnte nicht verhindern, dass er von seinen Gefühlen überwältigt wurde. All das äußerte sich in Tränen, die ihm stumm über das Gesicht rannen.
Da hat man Jahre dafür Zeit, sich auf diesen Moment vorzubereiten und nimmt sich vor, nicht zu heulen und was passiert? Ich werde sentimental und sehe nur noch verschwommen. Es ist alles so unwirklich!
Sollte sich das alles nur als Einbildung herausstellen… Sollte das alles nicht echt sein, sondern nur eine neue Methode, mich zu quälen…
„Ich bin ja da, Ethan. Ich bin da!“, beruhigte ihn Rupert sanft und sagte das immer und immer wieder, bis der Magier es endlich glauben konnte. Auch fühlte er dessen Nähe und allein das gab ihm Kraft. Er wischte sich über das Gesicht, sodass der Wächter hoffentlich nicht bemerken würde, dass er geweint hatte.
Vorsichtig lösten sie sich voneinander, wobei der Hexer eigentlich nur schlaff in Ruperts Griff hing. Giles blickte ihm tief in die Augen und versprach: „Dir wird es bald besser gehen. Du wirst wieder der Alte werden!“. Er setzte ein Lächeln auf, obwohl die Sorge nicht seine Augen verließ. Er wollte noch etwas sagen, als ein junges Mädchen, vielleicht fünfzehn Jahre alt mit schwarzen langem Haar und dunklen Augen, durch die Tür kam. Sie trug Turnschuhe, eine eng sitzende Jeans und ein rotes T-Shirt.
Sie warf Ethan einen mitgefühlvollen Blick zu und wandte sich dann an den Wächter: „Mr. Giles? Uns blieb keine Wahl, wir müssten sie töten! Keiner von ihnen wollte die Waffen niederlegen. Es ging nicht anders…“. Sie sah betreten zu Boden.
Über Ruperts Miene huschte kurz ein Ausdruck, den der Magier nur zu gut kannte. Es war das mitleidlose Lächeln, das Ripper perfekt beherrschte. Auch seine Stimme war ebenso kalt: „Mach dir keinen Kopf, Raven. Diese Bastarde haben es nicht anders verdient!“. Das Mädchen sah schockiert auf. So kannte sie Rupert Giles nicht! Ethan wiederum brachte kurz ein Lächeln zustande, denn er wusste um die dunklen Seiten des Wächters.
Rupert ignorierte ihr Erschrecken und fragte stattdessen: „Und die anderen Insassen?“. Kurz wurde sein Griff um Ethan fester, als hätte er Angst, ihn zu verlieren.
„Die Meisten von ihnen sind in einem üblen Zustand. Viele haben den Verstand verloren oder sind kurz davor. Wir tun unser Möglichstes-“, führte sie aus, wurde aber von Giles schnellem „Gut!“ unterbrochen. Sie schwieg respektvoll und Rupert setzte fragend hinzu: „Haben wir genug Platz, um alle mitzunehmen? Zumindest bis in das nächste Krankenhaus?“.
„Ja, haben wir. Alles ist bereits evakuiert. Sie und Mr. Rayne sind die Letzten. Es wurden in den leer stehenden Bereichen schon Feuer gelegt. Es wird nicht mehr viel von dieser… Anlage übrig bleiben“, antwortete sie und warf dem Magier noch einmal einen Blick zu. Dieser war mehr als verdutzt, dass man ihn ´Mr. Rayne´ nannte. Bisher hatte er nur eine Nummer gehabt, mit der er angesprochen wurde. Nur in seinen Halluzinationen hatte ihn Giles bei seinen Vornamen genannt.
Der Wächter wirkte zufrieden und sagte: „Sehr schön! Wir kommen sofort“. Der Mädchen nickte und verschwand. Nun widmete er seine volle Aufmerksamkeit wieder dem Mann in seinen Armen. Diesem schwammen schon wieder Tränen in den Augen.
„Ethan, sprich mit mir!“, verlangte Giles. Sein Blick war flehentlich. Er zog den Magier noch enger an sich. „Ich… ich kann nicht. Es ist zu viel für mich“, entgegnete dieser tonlos. Dann setzte fügte er noch zynisch dazu: „Außerdem hast du gesagt, dass ich nicht-“. Wieder schüttelte ihn ein Hustenanfall.
Giles lächelte nur schwach, denn Ethans Husten machte ihm deutlich Sorgen wie auch generell der Zustand des Hexers. „Stimmt! Ich habe dir ja gesagt, dass du dich schonen sollst. Aber das wird jetzt alles nur noch besser werden, du wirst schon sehen! Bist du bereit, hier zu verschwinden? Ich trage dich!“, flüsterte er sanft und erhielt nur ein Nicken als Antwort.
Und wie ich bereit bin! Schon seit Jahren warte ich auf diesen Moment und habe kaum zu hoffen gewagt, dass er eines Tages mal kommt. Ich wüsste zu gerne, welcher Tag heute ist und wie lange ich hier war. Aber das kann ich später auch noch fragen.
Rupert packte ihn und hob ihn behutsam hoch. Ethan hasste es, dass er so schwach war, denn er würde lieber laufen. Die Medikamente hatten jedoch langsam aber sicher seine körperliche Kraft zersetzt und zehrten den Magier von innen her auf.
Er war wie ein Drogenjunkie und manchmal hatte sie ihn auch dadurch gefoltert, dass sie ihm mal ein paar Tage nichts in die Adern gejagt oder gewaltsam eingeflößt haben. Die Entzugserscheinungen waren beinahe so schlimm wie der Chemiecocktail an sich, aber wenigstens hatte er dann klar denken können. Er konnte sich kaum vorstellen, wie er das in seiner Jugend sogar freiwillig mitgemacht hatte, schließlich war er früher auch tagelang berauscht. Vielleicht war das der Grund, warum er noch lebte. Dass sein Körper abgehärtet war, zumal er früher Kontakt mit heftigen Drogen gehabt hatte. Vielleicht war das auch das Motiv der Initiative gerade ihn für solche Versuche zu benutzen, weil sie von seiner Resistenz wussten oder es durch Tests herausgefunden hatten.
Nichtsdestotrotz hämmerte sein Schädel schmerzhaft und das Zeug von vorhin war noch immer in seinem Kreislauf. Immer wieder quälte ihn heftiger Husten, sodass Rupert oft anhalten und warten musste, während der Hexer mit sorgenvollen Blicken bedacht wurde. Giles redete die ganze Zeit beruhigend auf ihn ein, auch wenn der Engländer nicht mal die Hälfte von dem mitbekam, hatte es doch einen tröstenden Effekt auf ihn. Lange, etliche Jahre lang hatte niemand so mit ihm geredet. Wenn überhaupt mal einer seiner Peiniger gesprochen hatte, dann waren es nur barsche Befehle, die mit Schärfe und Drohung ausgesprochen wurden.
Rupert meinte irgendetwas davon, dass das alles Jägerinnen waren, die die Initiative nun aufgelöst hatten. Der Hexer schob es auf die chemischen Mischungen, die in seinen Adern kreisten, denn er wusste ja, dass es nur eine Jägerin gab. Es würde sich sicher später klären, wenn er wieder halbwegs bei klarem Verstand war.
Ethan fühlte sich beinahe wie in Watte gepackt, wenn da die Schmerzen und Krämpfe nicht wären. Seine Umgebung nahm er kaum noch war und Geräusche umso weniger. Für ihn war alles abgestumpft und erreichte ihn nicht. Einzig und allein Ruperts Stimme, als beständiges Hintergrund-Gesäusel und die Wärme der Berührung fühlte er. Innerlich war er leer. Er fühlte nichts. Keinen Hass, keine Freude, keinen Zorn. Die Gefühlswelle von vorhin war längst zu anderen Ufern aufgebrochen und nun war es wieder in seinem Inneren unbelebt.
Seltsam. Ich dachte eigentlich, dass ich wenn es einmal dazu kommen sollte, vor Freude überquellen würde. Aber nichts Dergleichen passiert. Ich bin kalt, gleiche einem Eisblock. Ist mir den etwa schon die Fähigkeit abhanden gekommen, so etwas wie Freude oder Glück zu empfinden?
Ihr Weg durch die Gänge nahm Ethan kaum war, so bedröhnt war er. Ein Wunder, dass er überhaupt dazu fähig gewesen war, das kurze Gespräch mit dem Wächter zu führen. Vor seinen Augen verschwamm ständig alles, was aber nicht an Tränen lag, sondern einfach an den Drogen in seinem Blut. Er sah nur grau in grau und ein Gang sah für den vor sich hindämmern Hexer aus wie der andere. Endlose Türen, kalte, nackte Wände in sterilem Grau gehalten und das beißende Neonlicht. Er hätte sich wohl verlaufen, wenn er denn überhaupt dazu im Stande gewesen wäre, was er arg bezweifelte.
Er hatte den Eindruck, dass sie im Kreis gingen. Es wollte einfach kein Ende nehmen und er wurde ungeduldig. Nachdem er jahrelang darauf gewartet hatte, nach draußen zu kommen, konnte er es nun kaum noch aushalten. Er wusste auch nicht, wie lange er noch die Ohnmacht zurückdrängen konnte, die beständig ihre Hände nach dem Magier ausstreckte. Ethan vertraute jedoch Giles, dass dieser schon den richtigen Weg finden würde.
Irgendwann dann war er so weit. Er musste geblendet die Augen zusammenkneifen, als schmerzhaft helles Sonnenlicht ihn malträtierte. War die Sonne wirklich so grell? Er konnte sich nicht so recht daran erinnern. Einen Augenblick sehnte er sich nach dem künstlichen Licht in seiner Zelle. Das kalte Licht der Neonröhren war viel weniger schmerzhaft, viel unpersönlicher und anonymer, während er nun über Giles´ Schulter hängend ins Profil gerissen wurde und einen Schatten warf. Fasziniert starrte er auf die asphaltierte Straße und verfolgte seinen und dem Schatten des Wächters mit den Augen.
Er glaubte noch so etwas wie eine Wagenkolonne wahrzunehmen, von denen die ersten Autos sich bereits in Bewegung setzten. Viel erkannte er nicht und viel wollte er auch nicht erkennen. Für ihn zählten nur der zwischenmenschliche Kontakt, die innere Anspannung, die langsam von ihm abfiel und die ersten Augenblicke im Freien seit Jahren.
Obwohl er im sich im Sonnenlicht befand, wurde alles um ihn herum zunehmend dunkler und dunkler. Den Tribut, den sein geschwächter Körper forderte, galt es nun zu bezahlen. Die Bewusstlosigkeit war nun unausweichlich und er konnte sich nicht noch länger dagegen stemmen. Außerdem wollte er auch nicht mehr, denn zum ersten Mal seit langem hatte er keine Angst vor dem Aufwachen. Keine Angst davor, was sie nun wieder für Mittel an ihm testen wollten.
Auch wenn in ihm alles noch unberührt und distanziert war, ahnte und hoffte er doch, dass sich das bald entwickeln würde. Er müsste es nur endlich verarbeiten, dass sich alles zukünftig änderte. Dass er wieder die Chance auf ein lebenswertes Leben hatte!
Das wiederholte er gedanklich immer und immer wieder, bis die Schwärze ihn umfinsterte.
Schwärze. Überall. Um ihn herum undurchdringliche Finsternis und Panik wallte in dem Hexer auf, als er erwachte. Dunkelheit war ihm nur zu gut bekannt. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag: Es war alles nur ein Traum! Nur ein weiterer Fiebertraum von vielen. Er war nach wie vor gefangen. Nur irgendeine Nummer, im Gefängnis in der Wüste von Nevada. Ein Testobjekt der Initiative. Ein wahnsinniger Krimineller, den man nach Belieben quälen konnte. Es gab keinen, der sich für ihn interessierte. Kein Rupert Giles. Kein Mädchen, das Raven hieß, mit schwarzen Haaren und dunklen Augen, die behauptete, dass sie alle hatten töten mussten.
In Ethan zerbrach etwas endgültig. Das war zu viel für ihn. Er konnte es nicht ertragen, dass das alles nur seiner Fantasie entsprungen war. Das er nach wie vor hier war, eingesperrt und verdammt bis zum Ende seines Lebens. Nein, das könnte er nicht mehr aushalten! Nicht nachdem er der Freiheit so nahe war, auch wenn es nur ein Traum war. Nicht nachdem er schon die Strahlen der Sonne auf seiner Haut gespürt und sich gesagt hatte, dass nun alles besser wurde.
Er hatte schon oft Träume derart gehabt, aber noch nie waren sie so realistisch gewesen. Er hatte keine Kraft mehr, keinen Willen und nun hatten sie gewonnen. Der Hexer würde aufgeben. Der Tod schien ihm nun die bessere Alternative. Aber wenn schon, dann würde er so viele wie möglich mitreißen! Seine Hand ballte sich zur Faust, sodass seine Knöchel weiß hervortraten.
Er spürte, dass da jemand in seiner Nähe war. Sicher einer der Typen, der ihm wieder etwas Neues spritzen oder einflößen wollte. Nie wieder, nicht noch einmal! Es war dem Magier nun egal, ob er getötet wurde oder nicht- er legte es sogar darauf an. Als er sich nun regte, näherte sich diese Person und obwohl er viel zu schwach war, wehrte er sich aufs Heftigste, als er berührt wurde. So hatte er noch nie gekämpft.
Sofort legte sich jedoch ein eiserner Griff um ihn. Ethan war einfach zu schwach, viel zu schwach. Ohne seine Magie sowieso nur halb so gefährlich und dann in seinem Zustand. Ausweglos. Keine Chance. Dennoch zappelte er weiter und versuchte nach Leibeskräften, sich zu befreien. Doch der Griff um ihn wurde nur fester. Ihm wurden die Arme an die Seite gepresst und der Klammergriff war stahlhart wie ein Schraubstock. Nun brüllte man ihn sogar an.
Er stellte seine Ohren auf Durchzug, denn er wollte seine Nummer nicht hören. Sie war nicht mehr als eine Reduktion seiner Persönlichkeit auf eine Zahl. Dabei hasste der Hexer Zahlen! Sie waren viel zu geordnet, logisch und absolut kreativitätsfrei. Und das zwängt man ihm auf.
Man will mich verbiegen und letztendlich brechen! Mein Ich zerrütteln, meinen Verstand betäuben und mein Herz zerfetzen. Viel zu lange schon lass ich das mit mir machen. Jetzt ist endgültig Schluss damit! Es endet heute Nacht oder am heutigen Tag, je nachdem was für eine Tageszeit ist. Nur schade, dass meine ausgeblichenen Gebeine dann irgendwo im Wüstensand verscharrt werden und niemand je erfahren wird, was aus mir wurde.
Der Magier, allein durch diese Gedanken angestachelt, wandte sich weiterhin mit aller Macht hin und her und setzte alles auf eine Karte. Doch es hatte keinen Sinn. Die Person, die ihn festhielt, war stärker. Dennoch wollte er seinen letzten Widerstand nicht schon jetzt erlahmen lassen.
Er hörte auf einmal einen Namen. Seinen Namen. Seit wann nannte man ihn denn bei seinem Namen? War das wieder ein Trick? Ein Versuch, ihn in Sicherheit zu wiegen, damit er aufgab? Nein, so einfach würde er es ihnen nicht machen. Bis zum letzten Atemzug wollte er kämpfen!
Da schüttelte ihn wieder ein Hustenanfall. Warum jetzt? Gerade jetzt, wo er doch den letzten Kampf seines Lebens bestritt? Doch seine Lunge tat weh. So sehr weh, dass sie sogar seine bohrenden Kopfschmerzen übertraf. Es brannte beim Atmen heißer als seine glühende Stirn. Er konnte nicht mehr. Es ging nicht mehr. Er musste erst Kraft schöpfen. Also hörte er kurzzeitig auf, aber nur solange, bis es besser war. Das nahm er sich vor.
Dadurch, dass er nun pausierte, drang die Stimme nun zu ihm durch, die die ganze Zeit schon auf ihn einredete. Sie kam ihm bekannt vor. So bekannt, dass er stutzte. Er lauschte nun den Worten.
„Ethan!... Ethan Rayne!... ETHAN!!! Hör auf! Beruhige dich!“, fuhr man ihn an. Einen Moment dauerte es, bis er die Stimme erkannte. Sie war ihm so vertraut. Er hatte sie manchmal Nacht für Nacht gehört. Sie hatte ihm Trost gespendet und zu ihm gesprochen, immer wenn der Wahnsinn im Fieber schon in seinen Augen glänzte.
„Ru-… Rupert?“, fragte er vorsichtig, mit zitternder Stimme nach.
Der Husten klang ab und der Hexer konnte sich nun noch mehr auf seine Umgebung konzentrieren, obwohl das Brennen in seiner Lunge nur langsam nachließ. Es spürte, dass der Untergrund nicht der kalte Boden der Zelle war. Außerdem war die Person, die ihn umklammerte, nicht einer dieser grobschlächtigen, brutalen Kerle.
„Ja, ich bin´s, Ethan. Es ist alles in Ordnung! Gott sei dank bin ich jetzt endlich zu dir durchgekommen! Ich dachte schon, du drehst durch. Du hast mir Angst gemacht!“, gab Giles ehrlich zu. Seine Worte waren sanft und auch seine Umklammerung war lockerer geworden. Vielmehr stützte er den Magier jetzt, damit er nicht umfiel. Denn dieser war durch das Wehren so erschöpft, dass er nicht ohne Hilfe sitzen konnte. So lehnte er an Rupert, der ihn nun beruhigend über den Rücken strich, wie er es schon in der Zelle getan hatte.
Sofort wirkten die tröstenden Worte und die Berührung und von dem Hexer fielen die Anspannung und die Angst ab. Er konnte gar nicht sagen, wie froh er war, dass er das alles nur in den falschen Hals gekriegt hatte!
Er merkte nun auch, dass er in einem Auto sitzen musste, denn er spürte das Fahren. Auch drang ihm nun der nicht gerade dezente Ledergeruch der Sitze in die Nase. Es war deshalb fast stockdunkel, weil Decken vor die Fenster gehängt waren und nur von Vorne, wo der Fahrer sitzen musste, ein wenig Licht in den Rückraum kam.
Der Magier selber befand sich auf der linken Seite, mehr liegend als sitzend und Giles hatte sich rechts neben ihm dicht an die Tür gequetscht, um ihm so viel Platz wie möglich zu machen. Das stellte er weniger durch sehen, sondern viel mehr durch tasten fest, denn es war wirklich nahezu komplett finster.
Ethan öffnete den Mund, um zu einer Entschuldigung für seine Verhalten anzusetzen, doch der Wächter würgte sie ab. „Vergiss es! Es ist nur normal, dass du… traumatisiert bist. Ich hätte dir vorher Bescheid sagen sollen, bevor wir den Wagen abgedunkelt haben. Aber ich wollte dich nicht wecken, denn es sah so aus, als würdest du schlafen“, erklärte er.
Der Hexer konnte sich denken, warum sie das Sonnenlicht aussperrten. Nach Jahren ohne Aufenthalt im Freien war es besser, wenn er sich erst nach und nach wieder an das Licht gewöhnte.
„Ripper?... Es ist mir eigentlich egal, Hauptsache weg von dort, aber ich frag trotzdem: Wo fahren wir hin?“, wollte er nach einer Weile des Schweigens wissen.
„In unsere Heimat, Ethan, nach London. Sunnydale existiert nicht mehr und nun werden dort neue Anwärterinnen ausgebildet, aber nicht nur dort…“, setzte der Wächter an, doch er merkte, dass er damit den geschwächten Mann überforderte. Das waren einfach zu viele Informationen auf einmal und der Magier müsste erst einmal realisieren, dass er befreit worden war. Damit hatte er schon genug zutun und so kürzte Giles ab: „Nach London. Doch bevor wir die Reise antreten können, musst du dich erholen und wir müssen vorher noch mit dir ins Krankenhaus. Ich weiß, dass du diesen Ort hasst und Ärzte jetzt vermutlich noch viel mehr als zuvor, aber es muss sein! Du bist in einem sehr schlechten Zustand und dein Fieber macht mir Sorgen“.
Ohne Ruperts Blick in dem Dunkeln sehen zu können, wusste der Magier, dass Protest ausgeschlossen war. Er kannte ihn gut genug, um zu wissen, wann er nicht mehr mit sich reden ließ. Er hörte es schon am Tonfall, dass er nicht von seiner Position abrücken würde. Deshalb ließ er es gleich bleiben, auch wenn sich alles in ihm bei der Vorstellung sträubte, schon wieder Personen ausgeliefert zu sein, die irgendetwas mit ihm machten.
Wie um die Notwendigkeit zu unterstreichen, legte der Wächter seine linke Hand auf Ethans heiße Stirn. Sie war nicht gerade kalt, aber im Gegensatz zu der Stirn wirkte sie kühl und verschaffte dem Engländer kurzzeitig Linderung. „Wir halten unterwegs an und besorgen Eis“, versprach Giles außerdem leise, bevor er seine Hand wieder wegnahm. Er tastete damit umher, bis er anscheinend fand, was er suchte.
Ethan hörte, wie etwas aufgeschraubt wurde. Plötzlich wurde ihm etwas an die Lippen gehalten. „Trink!“, forderte ihn Rupert auf.
„Was ist das?“, fragte der Hexer misstrauisch.
„Wasser. Nur Wasser“, entgegnete der Wächter und es hörte sich ein kleines bisschen verletzt an.
Der Magier fühlte sich zu einer Erklärung genötigt, warum er so misstrauisch gegenüber Getränken war. Doch bevor er ansetzen konnte, befahl Giles nun mit Nachdruck: „Trink was!“. Sanfter fügte er hinzu:„Danach wird es dir besser gehen“.
Also tat der geschwächte Mann das, was gefordert wurde. Er trank ein paar vorsichtige, kleine Schlucke. Allein schon als die Flüssigkeit seine trockenen Lippen benetzte, bemerkte er erst, wie durstig er war. Er musste dennoch kleine Pausen zwischen den Schlucken einlegen, während Giles ihm geduldig die Flasche hinhielt.
Danach ging es ihm schon viel besser. Er spürte, wie seine Kopfschmerzen ein wenig nachließen und merkwürdiger Weise tat auch seine Lunge beim Atmen nicht mehr ganz so doll weh.
Ethan schloss nun die Augen, denn Müdigkeit überfiel ihn. Er lehnte seinen Kopf an die Schulter des Wächters. Dessen Ruhe und Sicherheit gaben ihm sofort ein angenehmes Gefühl und er entspannte sich. Das rhythmische Ein- und Ausatmen Ruperts beruhigte ihn. Bis der Hexer einschlafen würde, konzentrierte er sich ganz auf die Geräusche seine Umgebung, denn in seiner Zelle war es immer sehr still gewesen. Im Moment untermale nur das leise Grollen des Motors die Ruhe.
Eine Mädchenstimme erklang aus dem Nichts und platzte mit der Frage heraus: „Was hat er alles? Fieber, Husten und was noch?“. Es klang interessiert-neugierig und allein am Tonfall war schon klar, dass mit der Frage die ganze Zeit hinterm Berg gehalten wurde, aus Rücksicht. Der Magier zuckte ein wenig zusammen, als die Stille plötzlich durchbrochen wurde.
Der Wächter, an den er lehnte und der jeden Muskelreflex spürte, legte sofort besänftigend einen Arm um ihn und flüsterte leise: „Schon gut, Ethan. Alles in Ordnung. Das ist Raven. Du erinnerst dich sicher, oder? Sie war schon vorhin da und hat bei deiner Befreiung geholfen“. Seine Stimme war voller Sanftheit und Verständnis.
Seit Jahren hat niemand so freundlich mit mir gesprochen! Ob er weiß, wie viel mir das bedeutet? Allein schon deshalb könnte ich erneut sentimental werden und in Tränen ausbrechen, aber ich will Ripper nicht seinen Tweed-Anzug versauen.
Der Chaosmagier war selber erstaunt, dass seine Gedanken immer noch den bissigen Unterton hatten, trotz der schrecklichen Dinge, die er erlebt hatte. Er war irgendwie auch sehr froh darüber, dass zumindest sein typischer Humor anscheinend nicht allzu sehr gelitten hatte.
„Willst du es chronologisch oder alphabetisch geordnet haben?“, witzelte Giles, behielt aber den Ernst in seiner Stimme, als er Raven die Antwort gab. Das riss den Engländer aus seiner Verwunderung über sich selbst heraus und er lauschte dem Gespräch. Das es sich um ihn drehte, war ihm augenblicklich klar. Anscheinend dachte Rupert, dass er eingeschlafen wäre und nicht zuhören würde, denn der Wächter war ungewohnt offen, als er fortsetzte: „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen sollte! Es ist ein Wunder, dass er noch lebt…“.
„Die Ärzte werden sie ihm sicher besser helfen können. Was können wir aber jetzt tun, außer Eis zu holen, um das Fieber zu senken?“, wollte das Mädchen wissen.
„Wenn ich das wüsste“, seufzte Giles. „Das Einzige, was wir tun können, ist es ihm bis zum Krankenhaus so bequem wie möglich zu machen und ihm etwas zu essen und zu trinken zu geben. Er ist total dehydriert. Anscheinend haben sie es öfter mal vergessen oder ihm mit Absicht nichts gegeben… Ich bin froh, dass er kurz wach war und etwas trinken konnte. Sonst hätte ich ihm das Wasser wohl einflößen müssen und dass hätte ich sehr ungern gemacht. Sicher haben die ihm auch auf diese Weise diese Drogen verabreicht! Diese verdammten-“. Der Wächter konnte sich gerade noch bremsen.
Ethan grinste in sich hinein. Das war Ripper, der da beinahe gesprochen hatte. Zu gerne hätte er gewusst, mit welcher Beschimpfung er die Leute von der Initiative bedacht hätte. Ihm war alles recht was sich gegen diese verdammte Organisation richtete.
„Und was ist mit Schmerzmittel?... Ach nein, das geht ja nicht!“, erkundigte sich Raven, merkte dann aber selber, dass das keine wohldurchdachte Frage war.
Das bestätigte auch Rupert, indem er antwortete: „Auf keinen Fall. Wir wissen nicht, was sie ihm verabreicht haben und wie es sich mit Schmerzmitteln verträgt. Außerdem sind noch mehr Medikamente im Körper das Letzte, was er momentan gebrauchen kann. Er muss wohl oder übel ohne auskommen“. Dieses Mal konnte er trotz geschlossenen Augen Giles´ Blick, der auf ihm ruhte, fast spüren.
Das Mädchen machte noch einen Vorschlag, doch den bekam Ethan schon nicht mehr mit. Dieses Mal glitt er in den Schlaf; den erholsamsten seit vielen Jahren.