
Autor: Bronx
Titel: Beyond Reasonable Doubt
Inhalt: Chicago 1947: Lindsey ist ein irisches Gangmitglied und bekommt nicht nur mit seiner Ehefrau Probleme, sondern auch mit seinem Boss. Eines führt zum Anderen und allmählich kommen Lindsey Zweifel an der Wahl seines Berufes...
Altersfreigabe: ab 18 Jahren
Teil: 9/13
Disclaimer: Alle in dieser Story verwendeten Charaktere und Grundkonzepte sind Eigentum der jeweiligen Rechteinhaber. Sie werden einzig und allein zu Unterhaltungszwecken genutzt. Eine Copyright-Verletzung ist weder beabsichtigt noch impliziert.
Hauptcharakter(e)/Paar(e): Lindsey/Winifred
Kommentar: Und weiter gehts mit einem Doppelpack. Hoffe die nächsten beiden Kapitel gefallen euch auch.

Kapitel 9
Als Lindsey sich am Abend in der Bar einen Drink gönnte konnte er nicht umhin, sich wieder in die Welt seiner absurden Gedanken ziehen zu lassen. Immer wieder dachte er alle Möglichkeiten durch, und immer wieder wurde er das Gefühl nicht los irgendetwas nicht berücksichtigt zu haben. Es war zum verrückt werden. Es hatte unheimlich gut getan alles mit Winifred teilen zu können und ihre Meinung zu hören. Natürlich sah sie alles aus einem ganz anderen Blickwinkel, da sie ja praktisch eine Außenstehende in der ganzen Angelegenheit war. Als sie ihm erklärt hatte, wie sie die Dinge sah, war ihm alles so klar erschienen, so einfach. Doch nun stand er hier allein an der Bar, blickte suchend durch den Raum und konnte wie immer keinen Sinn in seine Gedanken und Theorien bringen.
Er wartete auf Faith, wollte ihren Auftritt sehen und vielleicht noch ein letztes Mal mit ihr schlafen, bevor er ihr erklärte, dass es zwischen ihnen keine weiteren Schäferstündchen geben würde. Lindsey hatte sich entschieden und so wie sich die Dinge zwischen ihm und seiner Frau entwickelten, sah er keine Notwendigkeit mehr in den geheimen Treffen mit der Sängerin. Auch wenn er die ganze Zeit schon darüber grübelte, ob diese Entscheidung nicht etwas voreilig war. Er konnte nicht wissen, ob Winifred ihm eine genauso leidenschaftliche Liebhaberin sein würde wie Faith. Die beiden Frauen waren einfach von Grund auf verschieden, was es mehr als schwer machte eine wirkliche Entscheidung treffen zu können. Aber er konnte nicht ewig so weiter machen und seine Frau permanent betrügen, zumal sein Gewissen ihn immer mehr plagte. Eine weitere Sache, die ihn nur fürchterlich nervte, denn bis vor Kurzem hatte er noch fest daran geglaubt kein Gewissen zu haben. Oder hatte er vielleicht einfach nur verdammt gute Arbeit darin geleistet sein Gewissen zu überhören?
Selbst wenn er mit Faith Schluss machte, würde er sie natürlich weiter beschäftigen, schließlich hatte sie noch immer ihre Schulden abzuzahlen. Er wollte zumindest ihre Liebesbeziehung, oder wie auch immer man es nennen mochte, beenden. Es war besser so. Für ihn und seine Ehe, denn die war es, die ihm in letzter Zeit den nötigen Halt gegeben hatte. Abgesehen von den seltener werdenden Besuchen bei Faith. Er wünschte sich, er könnte es einfach beenden, ohne großes Drumherum. Doch er zweifelte und er dachte viel zu lange darüber nach. Wenn er sich wirklich sicher wäre, sie nicht mehr zu brauchen, dann müsste er doch nicht mehr darüber nachdenken und kleinlich jedes Für und Wider abwägen. Was würde er tun, wenn Faith vor ihm stand, ihn auf diese unverschämt verführerische Weise ansah, ihm schmutzige Dinge ins Ohr flüsterte, mit einer Stimme, die jeden Mann verrückt werden ließ. Würde er wirklich widerstehen können? Würde er sie wirklich mit einer simplen Abweisung abspeisen können, um dann nach Hause zu seiner Frau zu gehen, die ihn in eine sanfte Umarmung schließen würde? Er hoffte sehr, dass er stark genug sein würde.
Faith war längst überfällig und als Lindsey einen Blick auf seine Armbanduhr warf, wurde ihm bewusst, dass er schon viel zu lange hier nachdenkend herumgestanden hatte. Faith hätte schon vor einer Stunde auftreten sollen. Charles saß noch immer allein am Piano und unterhielt die wartenden Gäste, von denen der männliche Teil ebenso auf Faith wartete, wie Lindsey selbst. „Hat sich Faith krank gemeldet?“, fragte er nun den Barkeeper, der für gewöhnlich immer alles wusste auch wenn er eigentlich von nichts etwas wissen sollte, sofern es nicht mit den Drinks zu tun hatte.
„Nein, Boss. Nicht, das ich wüsste. Schick doch einen Wagen hin und sieh nach.“ Da war es wieder. Boss. Lindsey drehte sich der Magen um, wie immer wenn ihn jemand als Boss bezeichnete. Er war nicht der Boss und er wollte es auch sicher nicht sein. Hoffentlich würde ihn nie jemand in Wesleys Nähe so nennen. Denn dem wirklichen Boss würde das nicht gefallen und Lindsey wollte ihm sicher nicht gegenüber stehen wollen, wenn dieser hörte, dass seine eignen Leute Lindsey als Boss bezeichneten. Lindsey spielte schnell in seinem Kopf durch ob und was Faith eventuell zugestoßen sein könnte. Vielleicht hatte Xander Recht und es war vielleicht wirklich besser, wenn er jemanden schickte, um nachzusehen. Allmählich wurde es eine lästige Angewohnheit immer sämtliche möglichen Szenarien in seinem Kopf durchzuspielen und es beunruhigte ihn. Doch dann traf es ihn. Was, wenn wirklich etwas passiert war? Was, wenn man Faith erneut angegriffen hatte?
„Wo ist Oz?“, zischte er mit einem Mal und murmelte unentwegt Flüche auf dem Weg in sein Büro, um seinen Mantel zu holen.
Als er wieder aus dem Büro stürmte kam Oz gerade die Treppe vom Casino hinauf gehetzt und wurde sofort von ihm angewiesen ihn zu Faiths Wohnung zu fahren. Mittlerweile spürte er echte Panik in sich aufsteigen und die Möglichkeit, dass etwas passiert sein könnte hatte sich mittlerweile zu einer handfesten Wahnvorstellung manifestiert. Die ganze Fahrt über spielte er nervös an der Krempe seines Hutes herum, der auf seinem Schoß lag und blickte immer wieder aus der Frontscheibe, um zu sehen, wie lange sie noch brauchen würden. Seine Nerven lagen blank. Und selbst der Gedanke, dass vielleicht gar nichts passiert war und Faith sich einfach nur unwohl fühlte, konnte ihn nicht beruhigen. Da war immer diese nagende Stimme in seinem Kopf, die ihm leise zuflüsterte, dass er mit dem Schlimmsten rechnen musste. Lindsey konnte den Gedanken nicht ertragen, dass ihr etwas zugestoßen sein könnte. Er musste daran denken, wie er sie neulich in dem Krankenbett hatte liegen sehen. Die Haut ungewöhnlich blass und überall diese brutal wirkenden Blutergüsse. Faith hatte es nicht verdient so leiden zu müssen. Und plötzlich schien es, als habe er die Antwort auf seine Frage, ob er die Kraft haben würde Faith zu widerstehen. In diesem Augenblick wünschte er sich nichts mehr als die wunderschöne Brünette in seine Arme zu ziehen, ihren Duft einzuatmen und ihre weichen, vollen Lippen an seinen zu spüren. Er wollte mit Sicherheit wissen, dass es ihr gut ging und sie unversehrt war. Und dann würde er vermutlich mit ihr schlafen und sie genauso leidenschaftlich nehmen, wie an dem Tag, da er sie aus dem Krankenhaus abgeholt hatte. Er konnte Faith nicht aufgeben. Er war nicht stark genug, um ohne sie leben zu können. Er brauchte sie, zumindest noch eine kleine Weile.
Es war absolut unglaublich wie schnell sich Dinge ändern konnten. Letzte Nacht war er überglücklich gewesen in den Armen seiner Frau und er hatte sich fest vorgenommen Faith endgültig zu verlassen. Er brauchte sie nicht mehr. Er wollte sie nicht mehr und er konnte es einfach nicht mehr ertragen seine Frau noch länger zu belügen. Er hatte ihr über alles die Wahrheit gesagt, bis auf Faith. Seine Affäre mit der Sängerin hatte er vor Winifred verschwiegen. Und er hasste es. Er wollte mit ihr ehrlich sein können, absolut und ohne Einschränkungen. Und das würde nur möglich sein, wenn Faith aus dem Bild und vor allem aus seinem Bett verschwunden war. Doch nun, als die Angst in seine Knochen kroch schien das alles nicht mehr wichtig, schien nebensächlich geworden zu sein. Er war sich nicht einmal mehr sicher, ob er sich wirklich von Faith trennen wollte, trennen konnte. Er liebte sie auf eine verquere Art und Weise aber es waren echte Gefühle. Und er hatte Angst. Angst, sie zu verlieren, sich nie wieder in ihrer Umarmung verlieren zu können und nie wieder ihren Trost zu spüren, wenn er ihn doch so sehr brauchte. Würde Winifred wirklich in der Lage sein, ihm zu geben was Faith ihm gab? Würde seine Frau sich wirklich von ihm nehmen lassen, hart und hektisch, weil ihm gerade der Sinn danach stand und er es einfach brauchte, um nicht durchzudrehen? Was wenn er sich irrte und sie dazu einfach nicht in der Lage war? Dann würde er Faith noch immer brauchen. Vielleicht hatte er voreilige Schlüsse gezogen und er würde noch abwarten müssen, um wirklich sicher gehen zu können, dass Winifred wie erhofft auftauen und endlich aus sich heraus gehen würde.
Als Oz den Wagen endlich am Straßenrand anhielt sprang Lindsey förmlich heraus und sah sich prüfend um. Wo war Spike? Er hatte Spike eingeteilt, um Faiths Wohnung im Auge zu behalten und dieser verdammte Bastard war nicht da! Er würde ihm persönlich den Kopf abreißen, wenn Faith etwas zugestoßen war! Er kochte vor Wut und verfluchte, dass er immer alles hundertmal und ganz genau erklären musste, damit seine Leute einfache Befehle ausführen konnten. Es war zum verrückt werden! „Wer hatte heute Dienst?“, fragte Oz und blickte sich ebenfalls suchend um. „Ich kann niemanden sehen!“
„Spike hatte Dienst. Und ich schwöre bei Gott, ich bring ihn um, wenn er keine Erklärung dafür hat!“ Lindsey und Oz stürmten die Treppen zum Haus hinauf und machten sich gar nicht erst die Mühe an der Türe zu klingeln. Lindsey hatte schließlich einen Schlüssel.
Sein Herz raste längst ungeduldig in seiner Brust und ein schwerer Kloß formte sich in seinem Magen, drohte ihn von innen heraus zu zersprengen, wenn er nicht jede Sekunde eine quicklebendige Faith in deren Wohnung vorfinden würde. Doch schon im nächsten Moment schien diese Hoffnung in weite Ferne gerückt als er die Wohnungstüre offen stehend vorfand. Er drückte sich an die Wand und schloss für eine Sekunde seine Augen, zog dann seinen Revolver und betrat die Wohnung. Sein Herz schlug so heftig, dass er davon überzeugt war, Oz könne es hören. Es donnerte in seinen Ohren und seine Sicht verengte sich, als er langsamen Schrittes auf das Wohnzimmer zuging. Die Küche war leer, im Schlafzimmer war sie auch nicht. Als er den ersten Blick ins Wohnzimmer werfen konnte sah er eine umgefallene Stehlampe und gleich daneben lag sie. Seine Faith. Blutüberströmt, die Augen starr zur Decke gerichtet.
Lindsey gab einen Laut von sich, den er vermutlich niemals mit verständlichen Worten hätte beschreiben können. Seine Gedanken rasten mit ihm davon, als er neben ihr auf die Knie fiel, sie in seine Arme riss und sie wild schüttelte. Das durfte einfach nicht sein, es konnte nicht sein. Himmel, warum half ihm niemand und weckte sie wieder auf? Sie lag schwer in seinen Armen und rührte sich nicht, die Augen immer noch weit aufgerissen. So viel Blut war aus ihren Wunden gesickert und Lindsey sah im wahrsten Sinne des Wortes rot. Er war zu spät gekommen. Er schluckte heftig und versuchte gegen seine Tränen anzublinzeln, doch er verlor den Kampf und ergab sich, ließ die Tränen einfach fallen und scherte sich nicht darum, was Oz über ihn denken könnte. Es schmerzte ihn und er fühlte sich als habe ihm gerade jemand das Herz bei lebendigem Leibe herausgerissen. Er liebte diese Frau und nun lag sie in seinen Armen, hatte ihre letzten Atemzüge bereits getan.
Er hörte wie Oz etwas sagte, doch er konnte es nicht aufnehmen. Nicht jetzt. Er hatte gerade etwas verloren, das er noch nicht bereit gewesen war aufzugeben. Und nun, da er die Entscheidung selbst nicht mehr fällen konnte, fühlte er sich ohnmächtig und betrogen. Er hatte entscheiden wollen, wann er Faith aufgeben würde und er war sich noch nicht sicher gewesen. Und selbst dann hätte er sie sicher nicht tot sehen wollen. Doch nun war es Gewissheit und er konnte ihr nicht einmal Lebewohl sagen, konnte ihr nicht mehr sagen wie sehr er sie liebte. Man hatte ihm diese Möglichkeit genommen und wer immer ihn darum betrogen hatte würde dafür bezahlen. Lindsey McDonald traf seine eigenen Entscheidungen. Und niemand nahm ihm diese ab.
Mit einem Mal setzte sein Verstand wieder ein und Szenarien formten sich vor seinem Auge, von den Dingen, die sich in diesem Raum abgespielt haben konnten. Er sprang in Gedanken von einer Version zur nächsten. Sah wie Faith den Männern der italienischen Mafia die Tür öffnete und diese sie hier im Wohnzimmer erschossen, als wäre sie nichts weiter als eine Puppe. Doch dann dämmerte es ihm. Er hatte gerade einen Denkfehler bemerkt, der ihn stutzen ließ. Faith hätte niemals Fremde in ihre Wohnung gelassen, vor allem nicht nachdem man sie erst kürzlich überfallen und zusammen geschlagen hatte. Sie ließ nur noch Leute in ihre Wohnung, die sie kannte. Seine Männer. Wesleys Männer. Faith musste ihren Mörder gekannt haben, ihm vertraut haben und wieder hörte Lindsey diese nagende Stimme in seinem Kopf, die ihm sagte, dass es hier gewaltig stank. Irgendwer spielte falsch. Aber wer? Und warum? Eines war sicher, seinen Verdacht musste er für sich behalten und konnte diesen nicht mit dem rothaarigen Mann teilen, der noch immer wie angewurzelt an der Tür stand. „Wir müssen sie hier weg schaffen und zu einem Leichenbestatter bringen. Wir können die Polizei nicht einschalten. Die würden nur zu viele Fragen stellen“, erklärte Lindsey leise und blickte nun den andern Mann an, die Sicht noch immer von seinen bitteren Tränen verschleiert.
*****
Als Lindsey endlich wieder angefangen hatte vernünftig zu denken hatte ihn die Angst gepackt und er hatte sich seinen Wagen geschnappt und war nach Hause gefahren. Er fürchtete, dass man seine Familie wohlmöglich auch angreifen könnte und er wollte nicht noch einmal zu spät kommen. Er wusste noch immer nicht genau wie es möglich gewesen war, dass man an Spike hatte vorbei kommen können? Oder war er es vielleicht gewesen, der Faith getötet hatte und war nun längst nach Mexiko oder sonst wohin unterwegs, um sich abzusetzen? Doch er konnte und wollte einfach nicht glauben, dass Spike ihn so betrügen und hintergehen konnte. Und welchen Grund sollte er dafür gehabt haben? Lindsey war sich immer sicher gewesen ihm vertrauen zu können. Doch das hatte er bis vor kurzen noch von all den Männern gedacht, die für ihn und Wesley arbeiteten. Er ging alle Männer durch, versuchte heraus zu finden, wer von ihnen es getan haben könnte, doch bei jedem fehlte ihm das Motiv. So wie ihm noch immer das Motiv für das große Ganze fehlte. Nur über eines war er sich mittlerweile hundertprozentig sicher. Dies alles war nicht die Handschrift der Mafia. Er war schon viel zu lange in diesem Geschäft und war oft genug mit den Italienern aneinander geraten, hatte diverse Male gesehen, wie sie arbeiteten und wie sie Gegner aus dem Weg schafften. Sie gingen anders vor. Die Mafia hatte mit alledem hier nicht das Geringste zu tun.
Er parkte seinen Wagen hinter dem von Angel und spürte erneut einen Anflug von Panik, als er den Mann nicht am Steuer des dunklen Automobils fand. Lindsey war nahe dran seinen Verstand zu verlieren und hetzte wie vom wilden Affen gebissen in das Haus und spürte wie sein Herz für einen viel zu langen Moment aussetzte, als er die Wohnungstüre weit offen stehend vorfand. Die Kinder schrieen und weinten und dann sah er seine Frau am Boden kauernd, ihre Kinder im Arm haltend. Angel stand mitten im Raum, hielt einen Revolver in der Hand und noch bevor dieser reagieren konnte hatte Lindsey schon seine Schusswaffe gezogen und richtete sie auf den Mann.
Lindsey atmete heftig, hörte erneut das Blut in seinen Ohren rauschen und blendete für einen Moment selbst das Weinen seiner Kinder aus. Auch Winifreds Flehen hörte er nicht. Er war auf Angel fixiert, der sofort seine Hände gehoben hatte und nun auf Lindseys Anweisung die Waffe auf den Boden legte, während Lindsey noch immer langsam näher kam. Was war hier vorgefallen, zum Teufel? „Angel, du hast besser eine verdammt gute Erklärung für die Waffe in deiner Hand!“, zischte Lindsey zwischen aufeinander gepressten Zähnen hervor und zitterte noch immer vor Verzweiflung und Wut. Er hoffte nur, Angel würde das Zittern nicht bemerken.
„Lindsey, beruhig dich. Zwei Kerle sind hier reingestürmt und haben angefangen Blei durch die Luft zu schießen. Ich war zum Abendessen oben und da traten sie plötzlich die Tür ein. Ich hab einen angeschossen, aber sie sind beide abgehauen. Ich wollte nicht hinterher und deine Frau und die Kinder allein lassen. Nimm die Waffe runter, Mann.“
Angel blickte ihn flehend an und Lindsey wusste nun wirklich nicht mehr wem er noch glauben konnte und wem nicht. Mittlerweile sah er in jedem einen potentiellen Feind und führte sich auf wie ein Wahnsinniger, der unter schwerem Verfolgungswahn litt. Und der wirkliche Feind lachte sich vermutlich in aller Ruhe eins ins Fäustchen und genoss es, dass Lindsey den Boden unter den Füßen verlor. Winifred tauchte nun an seiner Seite auf und legte ihre Hand sanft auf seine, blickte ihn flehend an. „Nimm das Ding runter. Angel sagt die Wahrheit. Sie kamen reingestürmt und haben geschossen. Er hat uns beschützt.“ Lindsey schluckte. Niemand anders hätte ihn jetzt beruhigen und ihn aus seinem Wahn zurückholen können. Niemand anders als sie. Er blinzelte ein paar Mal und zog sie dann rasch in die Arme, dachte längst nicht mehr daran, dass seine Kleider völlig blutverschmiert waren. Er spürte nur den warmen Körper seiner Frau in den Armen und sog tief ihren Duft ein. Sie war hier und es ging ihr gut. Es war als hätte er wenigstens diesen kleinen Sieg davon getragen. Wenigstens hatte man ihm nicht alles, was er liebte an einem Tag nehmen können. Doch eines wurde ihm bewusst. Wer auch immer hinter alledem steckte. Sie meinten es ernst. Sehr ernst. Und sie kämpften mit verdammt harten Bandagen.
„Du bist völlig blutverschmiert. Geht es dir gut? Bist du in Ordnung?“, frage Winifred aufgeregt, als sie an seinen Kleidern hinunter blicke, doch Lindsey nickte nur matt. Er sah müde aus und völlig abgekämpft. Was war nur geschehen? Hatte man ihn auch angegriffen?
„Das ist nicht mein Blut. Ich bin in Ordnung, keine Sorge“, erklärte er nun und küsste sie auf die Lippen. Wie sehr wünschte sie sich, einfach in diesen Kuss fallen zu können, in seinen Armen liegen und den Abend genießen zu können. Doch so lange sie nicht wusste, was hier gespielt wurde, würde sie nicht eine ruhige Minute mehr haben können. Sie glaubte nun endlich nachvollziehen zu können, wie Lindsey sich die ganze Zeit über fühlen musste. Winifred zerriss es innerlich, doch Lindsey musste es bei weitem Schlimmer gehen. Er sah aus, als würde er jeden Moment zusammen brechen und er musste Todesängste ausgestanden haben, als er sie hier im Wohnzimmer vorgefunden hatte, Angel mit der Waffe in der Hand.
Was Lindsey wohl gedacht haben musste? Ob er wirklich geglaubt hatte, dass Angel ihnen etwas antun könnte? Lindsey zitterte wie Espenlaub und stand auf wackligen Beinen. Winifred dirigierte ihn zum Sessel und drückte ihn sanft aber bestimmt in die Polster. „Ich bringe die Kinder ins Bett und du siehst zu, dass du dich etwas beruhigst. Ich bin gleich wieder da“, sagte sie leise und strich ihm über seine Wange, bevor sie die Kinder an die Hand nahm und aus dem Wohnraum verschwand. Sie selbst war nicht minder aufgeregt und aus dem Häuschen. Doch sie wollte es für Lindsey nicht noch schlimmer machen. Sie wusste nicht, was geschehen war und warum seine Kleidung voller Blut war, aber sie war sicher dass er Schlimmeres hatte durchmachen müssen als sie. Sie und die Kinder waren mit einem Schrecken davon gekommen. Aber Lindsey hatte Blut an seiner Kleidung und wenn es nicht von ihm stammte dann von jemand anders. Vielleicht jemand den er gut gekannt hatte? Einer seiner Männer? Lindsey hatte völlig irre gewirkt, als er in die Wohnung gestürmt war. Vermutlich konnte sie nicht einmal ansatzweise nachvollziehen, was er erwartet haben musste, als er den Wohnraum betreten hatte.
Angel füllte zwei Gläser mit Whiskey und reichte eines davon Lindsey. Sie stießen nicht an und tranken jeder still ein paar Schlucke bevor er es wagte den Mann anzusprechen. Das Blut an seiner Kleidung bedeutete nichts Gutes und nach Lindseys Stimmung zu urteilen musste etwas Schlimmes geschehen sein. „Was ist passiert?“, fragte er nun endlich, um es hinter sich zu bringen. Wenn einer seiner Freunde drauf gegangen war, wollte er es wissen und zwar jetzt, bevor er vor Spannung den Verstand verlieren würde. Lindsey warf ihm einen leeren Blick zu und nahm noch einen Schluck bevor er sprach.
„Sie haben Faith getötet“, erklärte er ohne Umschweife und Angel schluckte den Kloß in seinem Hals hinunter. Er hatte kein enges Verhältnis zu der Sängerin gehabt, aber er wusste wie gern Lindsey sie gehabt hatte. Es musste ihn umbringen sie zu verlieren.
„Wer hat es getan? Die Mafia? Um ihren angefangenen Job von neulich zu erledigen? Nur weil du Faith nicht gehen lassen und für die Italiener arbeiten lassen wolltest?“ Lindsey blickte ihn an und konnte ihm für einen Augenblick nicht folgen. Doch dann machte alles wieder Sinn. Angel dachte vermutlich auch noch immer, dass die Mafia hinter den Angriffen steckte. Natürlich. Warum sollte der Mann etwas Anderes annehmen? Er schien weiterhin der einzige zu sein, der jemand anders unter Verdacht hatte. Er hatte vorsichtig sein und niemanden ins Vertrauen ziehen wollen, doch just in diesem Augenblick war er nicht mehr so sicher, ob es wirklich klug war, diesen Kampf alleine zu bestreiten. Wenn sich bewahrheiten sollte, was er vermutete, würde er Hilfe brauchen. Und zwar mehr Hilfe als nur die seiner Frau.
„Ich glaube nicht, dass es die Mafia war. Es ist nicht die Art, wie sie vorgehen. Angel, denk mal nach. Nimm mal die Angriffe der letzten Zeit und überleg. Die Italiener würden niemals so schlampig arbeiten. Wenn sie mir Angst machen oder mich aus dem Weg haben wollten, wäre ich längst unter der Erde.“ Angel schien einen Moment lang darüber nachzudenken und Lindsey hoffte inständig, dass er keinen Fehler damit gemacht hatte ihm einen solchen Denkanstoß zu geben. Er betete zu Gott, dass er Angel richtig einschätzte und ihm vertrauen konnte. Lindsey wusste, wie sehr Angel ihn schätzte, auf ihn hörte und seine Befehle ohne mit der Wimper zu zucken ausführte. Doch das musste nichts bedeuten. In diesem Geschäft konnte dein bester Freund zu deinem besten Feind werden. Auch wenn er seinem Feind noch nicht mit Sicherheit einen Namen geben konnte. Noch nicht.
„Was willst du damit sagen?“, fragte Angel nun endlich und schien alarmiert. Seine Augen weiteten sich, als er scheinbar alle Vorfälle noch einmal vor seinem inneren Auge ablaufen ließ. „Denkst du, dass jemand hinter dir her ist und dich fertig machen will, in dem er deine…“, er blickte schnell den Flur entlang, um sicher zu gehen dass Winifred außer Hörweite war und sprach dann leise weiter. „… Freundin und deine Familie umbringt? Wer sollte so etwas tun und vor allem warum? Ich meine, wenn es nicht die Italiener sind. Das sieht wirklich nicht nach Mafia aus. Aber wenn nicht die Mafia dahinter steckt, wer dann? Und warum, Lindsey? Hast du einen Verdacht?“ Lindsey nickte langsam und nahm noch einen Schluck von dem Whiskey, der allmählich die rasende Wut zu beruhigen schien, die in seinem Inneren tobte.
„Angel, ich weiß nicht mehr wem ich trauen kann. Im Augenblick glaube ich fast, jeder könnte es sein. Aber ich hab nichts Festes. Mir fehlt einfach das Motiv“, erklärte er nun müde und rieb sich die Schläfe mit der linken Hand.
„Wenn du das sagst, dann musst du denken es ist jemand von uns. Lindsey, wer?“ Er blickte den ratlos wirkenden Mann an und zuckte die Schultern. „Ich weiß es nicht, Angel. Ich weiß es wirklich nicht. Ich hatte eine Vermutung, aber seit heute bin ich mir da auch nicht mehr sicher.“
„Nun sag schon wer?“ Lindsey blickte den anderen Mann noch einen Moment lang prüfend and und leerte sein Glas, stellte es auf den niedrigen Couchtisch.
„Ich hab geglaubt Wesley könnte da hinter stecken. Ich bin aber einfach nicht sicher und ich weiß nicht wieso und warum. Nach heute dachte ich es könnte Spike gewesen sein, aber auch da komm ich nicht auf das Warum. Es macht einfach alles keinen Sinn.“
„Spike? Niemals, Lindsey. Der würde nie etwas tun, was dir schaden könnte. Niemals. Ich kenne ihn schon so lange und … Nein. Spike kann es nicht gewesen sein. Wie kommst du überhaupt auf so etwas?“ Lindsey rieb sich müde über die Augen und begann dann zu erzählen.
„Als ich heute Abend im Club war habe ich auf Faith gewartet, aber sie ist nicht aufgetaucht. Laut Xander hat sie sich auch nicht krank gemeldet und sie war schon über eine Stunde zu spät. Das ist wirklich gar nicht ihre Art. Also bin ich mit Oz hingefahren, um nachzusehen, doch niemand schob Wache vor ihrer Tür. Ich hatte Spike für heute eingeteilt, aber der war nicht da, Angel. Wir sind hoch in ihre Wohnung und haben sie tot im Wohnzimmer gefunden. Mehrere Schüsse. Ich hab keine Ahnung wie lange sie da schon gelegen hat, aber es musste schon eine Weile sein. Ihre Wohnungstür stand offen. Es muss ein Insider gewesen sein, Angel.“
„Im Wohnzimmer sagst du?“ Lindsey nickte und er wusste Angel hatte den gleichen Gedanken, wie auch er. „Sie hätte niemand Fremdes herein gelassen. Nicht nachdem was ihr zugestoßen ist“, schlussfolgerte Angel und Lindsey bestätigte den Gedanken mit einem Nicken.
„Anfangs dachte ich, es ginge vielleicht nur um Faith. Der Überfall auf sie, dann die Sache im Casino. Doch nun haben sie meine Familie angegriffen, in meinem Haus. Wer auch immer da hinter steckt, sie wollen mir wehtun. Und ich denke nicht, dass alles Zufälle sind, oder einzelne Angriffe. Angel, ich schwöre dir, das hängt alles zusammen. Ich kann es nur nicht beweisen.“ Angel nickte langsam.
„Das denke ich auch. Der eine Kerl aus dem Casino, der entkommen konnte? Ich bin mir nicht hundertprozentig sicher, aber ich glaube er war einer von den beiden die heute Abend hier rein gestürmt sind.“
„Also müssen die zwei Angriffe schon einmal zusammen hängen. Ich hab das Gefühl, da wollte mir jemand nur Angst machen und nun machen sie Ernst. Bisher ist niemand ernsthaft verletzt worden. Ich wurde einmal angeschossen und Faith einmal zusammen geschlagen. Im Casino ist nichts passiert. Heute haben sie den Rubikon überschritten und ich schwöre bei Gott ich werde das Schwein fertig machen!“
Lindsey stand auf und begann nachdenklich im Raum auf und ab zu wandern. „Kann ich auf dich zählen Angel?“ Der Mann nickte und stand ebenfalls auf. „Finde heraus wo Spike war. Ich will sicher gehen, dass er es nicht war. Und prüf seine Geschichte nach. Wenn du eine Lücke findest, sag mir sofort bescheid.“ Angel nickte nur und verließ dann die Wohnung, ließ Lindsey mit seiner Familie allein. Lindsey hoffte nur, dass sie zumindest für eine Nacht in Frieden gelassen wurden. Er würde noch mehr Blutvergießen und noch mehr Blei in der Luft nicht vertragen. Er hatte genug. Es stand ihm bis zum Hals und er wünschte sich nichts mehr als einfach weglaufen zu können. Wenn er doch nur auch so naiv sein könnte, wie Winifred, die glaubte man könne diesen Job einfach kündigen wie jeden anderen auch. Wenn doch alles nur so einfach wäre.
@ angelsbuffy: Ich freu mich total, dass ich dir das Pairing schmackhaft machen konnte. Eines meiner absoluten Lieblingspairings und ich hatte schon sehr lange mal etwas mit den beiden schreiben wollen. Freut mich natürlich umso mehr, wenn ich höre bzw. bzw lese, dass es so interessant ist, dass mal so viele Kapitel in einem Rutsch nachliest. Ich hoffe die beiden Kapitel hier gefallen dir auch.
@ Nisa: Wirst dich wohl ausgiebig freuen, dass du wieder in der Welt des Inets unterwegs bist, wie? Finde es natürlich absolut klasse, dass du nach wie vor weiter liest und mir so lieb kommentierst. Ich freu mich immer riesig über deine Kommentare und kanns kaum erwarten zu lesen, was du von diesen beiden Kapiteln hältst.