
Autor: Phrenesia
Titel: Heat
Inhalt: 1885, Spanien
Altersfreigabe: ab 18 Jahren
Teil: 3/6
Disclaimer: Alle in dieser Story verwendeten Charaktere und Grundkonzepte sind Eigentum der jeweiligen Rechteinhaber. Sie werden einzig und allein zu Unterhaltungszwecken genutzt. Eine Copyright-Verletzung ist weder beabsichtigt noch impliziert.
Hauptcharakter(e)/Paar(e): William/Angelus
Seitdem verging keine Stunde in der er Angelus nicht alle Sakramente der Heiligen an den Hals wünschte, alles Training, das er durch die Hand seines Erschaffers erlernt hatte verdrängte und seine eigene Schuld an beiden Ereignissen ignorierte.
In den Wochen vor dem Londoner Unfall (wie Will das misslungene Massaker im Waisenhaus nannte) war Angelus Verhalten seinem Schützling gegenüber kühl gewesen. Will war dadurch nicht besonders beunruhigt gewesen, er hatte mehr Zeit für Dru und sein Mentor litt sowieso unter chronischen Stimmungsschwankungen. Er teilte seine Aufmerksamkeit nie vollständig, einer oder eine Seiner Drei war immer der Mittelpunkt seiner Besessenheit, die anderen deshalb nur Randfiguren. Nachdem Will über einige Tage hinweg beobachtet hatte, dass sein Meister der Madame wie ein Schosshündchen folgte, hatte er den Schluss gezogen, dass er und Dru Narrenfreiheit hatten. Erst Wills bodenlose Blödheit (wie Angelus das misslungene Massaker im Waisenhaus nannte) hatte ihn aufmerksam gemacht, dass die Dinge bei seinem Jüngsten aus dem Ruder liefen. Angelus hatte Will nach zehn Tagen Hunger größtenteils mit einigen Standpauken und gut gezielten Schlägen in Schach gehalten.
Doch der suizidale Angriff in einer Kirche des Cordoba’schen Unfalls mit Dru an seiner Seite hatte Angelus, nachdem er Will die Haut vom Rücken gepeitscht hatte und das Blutverbot aufgestellt hatte, zu einer altbewährten Taktik zurückgreifen lassen: absolute Nichtbeachtung seiner Existenz und Isolation von Dru. Will fühlte sich mittlerweile wie ein Schatten seiner selbst - ausgehungert, müde, alle Knochen im Leib taten ihm, er war von Heimweh und schlechten Träumen geplagt und vermisste Dru.
Die Zähne zusammenbeißend langte er nach dem Griff seines Koffers und hob ihn auf. Mit der freien Hand öffnete er die Tür, zog den Schlüssel aus dem Schloss, trat auf den Gang hinaus und schloss hinter sich ab. Mittlerweile bedauerte er sogar beide Unfälle, doch niemand in der Familie gab ihm die Chance dies zu beweisen; nicht einmal Dru, die sich weigerte mit ihm zu sprechen seit er sich geweigert hatte vor Angelus Reue zu zeigen.
Langsam schritt er den Gang entlang, seine Füße wie mit Eisen behangen. Er hörte leise die Stimmen der anderen Bewohner der Pension, ein Raunen im Hintergrund. Er spitzte die Ohren, um Gesprächsfetzen aufzufangen, um sich auf irgendetwas zu konzentrieren. Er zählte seine Schritte, zählte die Gäste, die er ausmachen konnte, zählte die Wochen, die er hier verbracht hatte, die Stunden, die er hier noch würde ausharren müssen und die Tage die er noch würde hungern müssen. Obwohl er so langsam gegangen war, wie nur möglich, hatten ihn seine verräterischen Füße schließlich doch vor Angelus Zimmer gebracht. Er biss sich auf die Unterlippe und begann daran zu knabbern, während seine ganze Körperhaltung der einer Katze kurz vor dem Sprung glich: angespannt, nervös, das Gewicht von einem Fußballen auf den anderen verlagernd.
Ein höfliches Räuspern von der anderen Seite der Tür, die Türklinke die langsam hinuntergedrückt wurde – und ein Muskel in Wills Wange begann nervös zu zucken.
Angelus Gesicht erschien im Türspalt, ein höfliches und angenehmes Lächeln, das sicher nicht seine Augen erreichte, war auf Will gerichtet.
Augenblicklich kam Will sich sehr dumm vor, wie er vor der Tür stand, mit dem Koffer in der Hand, wie ein Bittsteller oder Schuljunge. Oder beides. Er biss die Zähne zusammen, ging einen Schritt auf Angelus zu und drang damit in dessen Privatsphäre ein. Wider Erwarten ging der tatsächlich einen Schritt zurück und erlaubte seinem Schützling einzutreten.
Angelus und Darlas Zimmer (seit drei Wochen nun auch inoffiziell Drus Zimmer)war ebenso schäbig wie das seine, stellte Will voll Zufriedenheit fest. Ihm selbst machte die Verwahrlosung nicht viel aus, seine Unfähigkeit sich oder seine Umgebung makellos sauber zu halten machte ihn unanfällig gegen Dreck und Unordnung. Im Gegensatz zu seinen Prioren, die selbst nach den wüstesten Schlachten und den dekadentesten Gelagen wie aus dem Ei gepellt zu sein schienen.
„Wo soll ich den hier“ – er stupste den Koffer mit dem Fuß an-„, wo soll ich den hier abstellen?“
Angelus, der versonnen einen besonders grauenhaften Wandteppich – der zweifelsohne einen Hauch Reichtum ausstrahlen sollte –betrachtete, hob nur kurz seine Hand um Will zum Schweigen zu bringen. Will rollte mit den Augen, steckte die Hände in die Hosentaschen und trat leicht mit der Spitze seines Schuhs gegen den Boden.
Mit einem Seufzen wandte Angelus sich von dem Gräuel an der Wand ab und ließ seinen Blick auf Will gleiten.
„Neben den Kleiderschrank.“ Mit einem leichten Lächeln beobachtete er, wie Will den Koffer nahm und sich ihm vorbeidrängte, um den Koffer an den gewünschten Platz zu stellen.
„Komm her.“
Will drehte sich langsam um, zuerst der Kopf, dann der restliche Körper. Aus ein paar Schritt Entfernung blickte er Angelus an. Er war sich nicht sicher, was er von dem Älteren zu erwarten hatte. Eine Predigt, Schelte, einen Schlag ins Gesicht - er konnte Angelus Gesichtsausdruck nicht deuten.
Ungeduldig schnippte Angelus mit den Fingern.
„Ich wiederhole mich ungern!“
Wie von unsichtbaren Fäden wurde Wills Körper nach vorne gezogen, ein paar Fuß vor Angelus. Dieser sah ihn weiter mit einem seltsamen kleinen Lächeln an.
„Zieh dein Hemd aus.“
„Warum?“
„Zieh es aus.“
Misstrauisch den Blick auf Angelus gerichtet knöpfte Will sein Hemd auf und ließ es trotzig zu Boden gleiten. Immer noch lächelnd blickte Angelus auf das zusammengeknüllte Hemd nieder, ging aber nicht näher darauf ein. Er richtete noch einen letzten Blick in Wills Augen, ließ die Nüstern blähen und wandte sich dann schließlich ab. Seine Augen glitten an Wills Hals herab, blieben an den hervorstehenden Rippen hängen, wanderte tiefer herab bis zu seinem eingesunkenen Bauch und blieb an den Hüftknochen hängen.
„Dreh dich um.“
Diesmal gehorchte Will ohne zu zögern.
Vorsichtig tastete Angelus mit seinen Fingerspitzen Wills geschundenen Rücken ab, drückte mal fester zu mal weniger und ließ schließlich seine Hände ganz auf Wills Hüfte ruhen. Er überwand die letzten Zentimeter, die seinen Jüngsten und ihn trennten und lehnte sein Kinn an dessen Schläfe. In der bärenartigen Umarmung seines Meisters kam sich Will wie immer klein und schmächtig vor.
Ohne es zu wollen lehnte er sich erschöpft zurück. Er wollte nur einmal nicht darüber nachdenken müssen, was er in Angelus Gegenwart sagen oder tun sollte, jeden Schritt vorsichtig erwägen zu müssen, um ihn dann doch in die falsche Richtung zu tun.
Seit seinem Tod hatte er viele Fähigkeiten erlernt oder verbessert und er selbst fand, dass er es in einer dieser Fähigkeiten recht weit gebracht hatte - und zwar Manipulation. Mit Darla und Angelus in einer Sippe war ihm schnell klar geworden, dass diese oft als einzige zwischen ihm und einem staubigen Tod oder zumindest einer schmerzhaften Lektion stand. Über die Jahre hinweg war er besser geworden, doch einen von seinen Prioren zu überlisten war ihm bei vielleicht einer Handvoll von Gelegenheiten gelungen.
(Genau genommen bei Darla nur einmal und er war sich bis zu diesem Zeitpunkt nicht sicher, ob sie ihn nicht hatte gewähren lassen, um ihn bei nächstbester Gelegenheit zu erpressen. Von Darla konnte man in dieser Hinsicht viel lernen.)
Und Angelus hatte er bis jetzt nur ein paar Mal dazu gebracht von einer Prügel abzusehen, indem er in die Kissen gebissen hatte – was sich im Nachhinein oft als genauso schmerzhaft erwiesen hatte, wie die Prügel.
Nun also für ein paar Sekunden alle Erwägungen abzuschütteln und einfach nur Angelus Junge zu sein war wie Balsam auf seiner Einsamkeit.
Der alte Vampir begann ein tiefes, rumpelndes Schnurren in seiner Brust, das Wills Rücken beinahe zum vibrieren brachte.
„Warum bist du manchmal so eine kleine Plage?“ seufzte Angelus gegen Wills Schläfe.
„Muss der Hunger sein.“, antwortete Will träge.
Das Schnurren wurde kurz zu einem Knurren und verfiel dann wieder in seine Monotonie. Mit einem kleinen Lächeln auf dem Gesicht kuschelte sich Will enger an Angelus, seine Stimmung plötzlich wieder gehoben. Zwei Personen konnten seine Gedanken selbst gegen seinen Willen wieder in positive Bahnen lenken, sei es durch einen angehobenen Mundwinkel, einen anerkennenden Blick oder ein liebevolles Wort – und das waren Dru und Angelus.
Nun bei Angelus scheinbar wieder gut angeschrieben zu sein, schien die Trübsal der letzten Tage wegzuschmelzen. Wenn Angelus nicht mehr wütend auf seinen Sprössling war, würde Dru ihn auch wieder zu sich lassen und Wills Welt wäre wieder im Lot.
Während Will so seinen Gedanken nachgehangen war, hatte das Schnurren hinter ihm nachgelassen. Angelus löste sich von ihm und streichelte ihm mit einer Hand über den Kopf.
„Glaub nicht, dass du meine Geduld jetzt ausnützen kannst. Die dreiundzwanzig Tage sind noch nicht abgelaufen und erlassen werde ich dir keine Stunde.“
Gemächlich schlenderte Angelus auf einen Ohrenbackenstuhl zu – in einem ebenso aufregenden Muster bestickt wie der Bettüberwurf – und lies sich darauf nieder. Mit dem sperrigen Meistervampir darin fläzend schien der Stuhl kleiner zu werden, als er ohne ihn wirkte. Angelus Größe brachte Will oft auf die Hinterbeine zur Verteidigung seines männlichen Stolzes, während sie gleichzeitig ein Verlangen in ihm weckte, sich vor ihm auf den Boden zu legen und seine Kehle zu zeigen. Allein der Gedanken daran ließ ihn vor Scham zusammenzucken.
Er versuchte Angelus Präsenz zu ignorieren und ließ sich auf der Bettkante nieder. Geistesabwesend kratzte er sich die Nase und fragte dann:
„Wann fahren wir denn eigentlich wieder heim?“
Die nächsten zwei Sekunden starrte er auf eine Antwort wartend auf das verschlungene Muster des Wandteppichs, das Angelus zuvor auch versucht hatte zu entwirren (und zweifelsohne auch im Gegensatz zu Will geschafft hatte). Als die Stille auffällig wurde drehte er sich zu Angelus um und blickte ihn fragend an.
Dieser hatte sich nicht gerührt und erwiderte den Blick mit leichtem Interesse. Spöttisch- amüsiert antwortete er:
„Warum? Hat unser verwöhntes Prinzchen die Langeweile gepackt? Wollen wir wieder zurück, um spaßeshalber erneut eine Fehde zwischen den führenden Dämonenstämmen anzuzetteln? Oder sind wir einfach nur weinerlich von Heimweh getrieben und dem Wunsch sich wieder hinter Drusillas Rockfalten zu verstecken?“
Wills Hände verkrampften sich. Das war unerwartet. Welche Fehden zwischen welchen Dämonenstämmen? Er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern Angelus bisher etwas davon erwähnt gehört zu haben.